8. November 2017

Kreative Übersetzung: Gut gesammelt ist halb getextet

Ich liebe die Abenteuer von Dagobert Duck, Donald und seinen drei Neffen Tick, Trick und Track. Die drei pfiffigen Pfadfinder helfen ihrem Onkel und Großonkel stets aus der Patsche – dank des Schlauen Buchs. Es hat auf jede Frage eine Antwort. Und für jedes Problem Überlebenstricks oder Bauanleitungen. Ein geniales Universalhandbuch – und im A5-Format mit nur 500 Seiten Umfang (angeblich!) dennoch handlich.

Früher habe ich Tick, Trick und Track um dieses Buch beneidet. Aber mittlerweile bin ich selbst im Besitz mehrerer Schlauer Bücher. Darin steht zwar nicht das gesamte Weltwissen, aber alles, was mir hilft, bei einer Transkreation den Originaltext – inklusive Überschriften und Slogans – ins Deutsche zu übertragen. Mein Schlaues Buch gibt es nirgendwo zu kaufen – es ist selbst gemacht. Es heißt auch anders: Swipe-File.

Ideenbuch und Sammelalbum zum Nachschlagen

Unter Textern und Copywritern sind Swipe-Files sehr verbreitet: Das sind Ideenhefte, in denen sie gelungene Slogans und Werbesprüche sammeln. Als Übersetzerin schreibe ich auf ähnliche Weise auf, was mir beim kreativen Übersetzen und Texten hilft und inspiriert.

Eines meiner größten Swipe-Files ist ein Sammelsurium aus interessanten Überschriften aus PC-Zeitschriften. Aus originellen Wortneuschöpfungen aus dem IT-Bereich (wie nanosekundengenau, Speicheritis, Wattmonster). Und aus Redewendungen oder Slogans rund um die Informatik (Green IT – quasi bio). Außerdem habe ich ein kleines Heft für meine aktuelle Buchübersetzung. Dort sammle ich bei der Recherche Wendungen und Wörter, die eventuell nützlich sein könnten.

Texter und Übersetzer als Jäger und Sammler

Mein Tipp für dich: Schreibe alles auf, was dir gefällt und nützlich erscheint. Mit der Zeit hast du ein Nachschlagewerk, auf das du während einer kreativen Übersetzung jederzeit zurückgreifen kannst. Ein Swipe-File soll dir bei akuter Einfallslosigkeit als Anregung dienen, wenn du es durchblätterst. Es geht aber nicht darum, die Fundstücke 1:1 abzukupfern! Der Zweck des Ganzen ist es, die Techniken und Geheimnisse geglückter Überschriften, kreativer Formulierungen und Slogans kennenzulernen. Und um eine Grundlage für die eigene Kreativität zu haben.

Wörterbuch und Nachschlagewerk für Übersetzer

Wie und wo können Übersetzer so ein Swipe-File einsetzen? Die Liste ist lang und sicher nicht erschöpfend:

  • Übersetzungen im Bereich Marketing
  • Kreative Übersetzungen von Werbetexten (z.B. Wortfeld anlegen)
  • Transkreation, Copywriting und textliche Adaptionen von Texten
  • SEO-gerechte Übersetzungen und internationale SEO (Erfassen von Synonymen des Keywords)
  • Für den eigenen Blog sowie zum Schreiben von Artikeln jeder Art (PR in eigener Sache)
  • Übersetzen von Sachbüchern und Literatur (Sammeln interessanter Wörter)
  • Individuelles Wörterbuch (für Synonyme, als MultiTerm-Termbank, siehe Abb. unten)
  • Sich in den Arbeitssprachen wie Englisch oder Französisch fit halten
  • Erlernen einer Fremdsprache

Manche nutzen ein Swipe-File, um Themen für ihren Blog zu sammeln. Andere wiederum als Ideenkiste für einen Roman, den sie schreiben möchten. Ich verwende ein weiteres Heft, um Tschechisch zu lernen. Vokabelhefte finde ich nämlich ziemlich langweilig. Deshalb schreibe ich – meistens bunt und wild durcheinander – Wortfamilien, wichtige Redewendungen oder Grammatikregeln in ein Notizbuch. Oder ich klebe kurze Artikel, Liedtexte oder Comics in der Fremdsprache rein. Durch das Schreiben und Kleben habe ich die neuen Wörter schon so gut wie im Kopf.

Notizbuch, MultiTerm oder Evernote: Keine Frage des Formats

Du kannst dir deine Sammlung auch digital erstellen, wenn Stift und Papier nicht so dein Fall sind. Es müssen nicht zwangsläufig Hefte sein. Die Möglichkeiten sind heute fast unendlich: als Textdatei auf deinem PC oder mit Apps wie Evernote. Das soziale Netzwerk „Pinterest“ ist eine riesige Fundgrube, in dem du Bilder und Fotos auf Pinnwände thematisch geordnet sammeln kannst.

Übersetzer-Swipe-Files in der Praxis

Ich benutze gern die Notizhefte von Moleskine im Taschenformat. Unten sieht man zum Beispiel die Rechercheergebnisse zum Begriff „Smart Home“ für eine kreative Übersetzung (Transcreation). Zum Vergrößern klicken.

Links: Recherche rund ums Smart Home. Rechts: Begriffe zum Thema „Küche“.

 

 

 

 

 

 

Thesaurus mit SDL MultiTerm

Aber ich arbeite auch mit dem Terminologieverwaltungssystem „SDL MultiTerm“ und habe ein eigenes Synonymwörterbuch. In der Abbildung unten sammle ich für „advantage“ verschiedene Möglichkeiten, wie dieser Begriff im Deutschen wiedergegeben werden kann. Es muss, kann oder soll nicht immer der „Vorteil“ sein! (Zum Vergrößern auf die Abbildung klicken.)

10 Gedanken zu “Kreative Übersetzung: Gut gesammelt ist halb getextet

  1. Da kann ich mich nur anschließen: Das Lesen deiner Artikel ist immer ein Gewinn (und hebt die Tagesstimmung um 300 %)!!! Vielen Dank, dass du deine Ideen und Vorgehensweisen an uns weitergibst.

  2. Liebe Katja,

    deine Blogartikel sind sehr gelungen! Und was du hier schreibst: Das mit dem Sammeln stimmt wirklich – es gibt so viele großartige Ideen, auf die man immer wieder stößt, wenn man die Augen offenhält, meine Ideenkiste und -hefte sind für mich unentbehrlich als Inspiration und Hilfe. Nicht nur für Wortfelder und griffige Wendungen, sondern auch für verschiedene Schreibstile (Stichwort: Patterning).

    Liebe Grüße
    Nina

    • Vielen Dank, Nina! Die Grundidee habe ich ja von dir und aus deinem Workshop mitgenommen 🙂 Gesammelt habe ich zwar schon vorher (IT-Begriffe in Excel), aber nicht so konsequent. Der große Nutzen eigener „Wörterbücher“ ist der, dass da auch Begriffe drin stehen, die eben nicht in Leo, dicct, Linguee & Co. zu finden sind.

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