29. September 2016

Kürzestgeschichte Nr. 1

Als sie aus dem Zug stieg, war die Sonne bereits aufgegangen. Ohne zurückzublicken strömten rechts und links namenlose Zugreisende an ihr vorbei und die Treppe Richtung U-Bahn herunter. Die Reisenden schienen alle ein Ziel zu haben und begierig zu sein, möglichst schnell dort anzukommen. Sie jedoch blieb kurz stehen, ging dann zögernd einen Schritt nach vorn und dann noch einen und noch einen. Bis sie schließlich in der Wolke aus Reisenden verschwand und mitgerissen wurde. Aber mit jedem Schritt entfernte sie sich immer weiter von ihrem Ziel statt ihm näherzukommen. Das unterschied sie von allen anderen. Am liebsten hätte sie den Sekundenzeiger der großen Bahnhofsuhr am Weitergehen gehindert. Sie würde den Zeigefinger fest auf das Ziffernblatt pressen, damit der kleine, rote Zeiger nur noch rhythmisch gegen ihren Finger klopfen konnte. Stets im selben Tempo, ohne jemals voranzukommen. Dann würde sich das Leben nur noch eine einzige Sekunde vor und zurück bewegen können. Wie Wellen am Strand. Wie Tiger im Zoo. Das Leben wäre in dieser einen Sekunde gefangen. Es könnten keine Minuten mehr verstreichen, keine Stunden, keine Tage, keine Wochen. Das Leben würde nur in dieser einen Sekunde existieren und mit ihr alle anderen auf dem Bahnsteig, auf der Treppe, in der großen Stadt. Nur sie, die mit ihrem Zeigefinger den Lauf der Zeit die Stirn bieten konnte, könnte rückwärts leben und alles Verpasste aufholen. Und irgendwann, wenn sie wieder im Hier und Jetzt angekommen wäre, würde sie den Finger vom Ziffernblatt nehmen und den Zug zurück nehmen.

Copyright: Katja Althoff

(Einführung ins kreative Schreiben für Übersetzer; Vortrag und Einführung für die MiniKon im Oktober 2016 in Bamberg)

 

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