31. Mai 2016

Tisch, Bett und Büro

Glosse (Erstveröffentlichung BDÜ infoNRW 2/2015)

 

Ich arbeite von zu Hause aus und habe in unserer Wohnung ein Zimmer zu meinem Büro gemacht. Ich hatte mich dort gut eingelebt und die Trennung von Arbeits- und Privatleben im Griff. Bis zu dem Tag, an dem meine kleine freiberufliche Arbeitswelt aus den Fugen geriet. Denn an diesem Tag eröffnete mir mein Mann eines Abends, dass er von nächster Woche an täglich kontrollieren könne, was ich den ganzen lieben Tag lang so treibe. Mir schossen Klischees durch den Kopf: Arbeitslosigkeit, leere Bierflaschen und Scripted-Reality-Dokus am frühen Nachmittag, Jogginghosen und Hartz IV. Und ich als Alleinverdienerin, die wie im Hamsterrad übersetzt. Aber mich traf es noch schlimmer. Mit einer Arbeitslosigkeit wären wir irgendwie fertig geworden, aber mit der nächsten Ankündigung hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Mein Mann meinte dann im nächsten Atemzug, dass er auf gut Glück „Home Office“ beantragt habe und – zu meinem Kummer – auch genehmigt bekommen hat. Darauf war ich aber nicht vorbereitet. Bei der Eheschließung war immer nur von „Tisch und Bett“ die Rede, niemals von „Büro“! Ich bin ein positiv denkender Mensch und redete mir gut zu, dass es auch seine Vorteile hat, mit jemandem sein Büro zu teilen, der ebenfalls in der Übersetzungsbranche tätig ist. Auch wenn es sich dabei um den eigenen Ehemann handelt, der zwar nicht übersetzt, aber als Informatiker eine Agentur im Vertrieb unterstützt.

Heute muss ich sagen, ich war doch sehr naiv. Der erste gemeinsame Arbeitstag, die erste gemeinsame Woche, eine Katastrophe. Von heute auf morgen musste ich lernen, mit Widrigkeiten umzugehen wie Kollege „Ehemann“ in Jogginghosen, Döner-Geruch am späten Vormittag, lange Gespräche am Montag über Bundesliga-Ergebnisse, die Leistung von Borussia Dortmund und aktuelle Transfergerüchte. Oder mit Fragen, die man mir zwischen 9:00 und 17:00 Uhr lieber nicht stellen sollte, wenn man sich keinen Ärger einhandeln will. Beispielsweise „Was gibt es heute Abend zu essen?“, „Kannst mir mal schnell sagen, wie ‚währungskongruente Kapitalbeträge‘ auf Englisch heißt?“ oder die sinnfreie Frage „Warum tippst du so viel? Übersetzt du?“. Auch die Angewohnheit meines Mannes, der wie schon erwähnt im Vertrieb arbeitet, alle Kundengespräche, die er mit einem Ohr mitbekommt, ungefragt und nachträglich zu kommentieren, stellte meine Geduld auf die Probe. Kostprobe gefällig? „Du hättest noch dies und jenes sagen sollen, dann wäre noch ein Cent mehr herausgesprungen.“

(c) anetlanda - Fotolia

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Dem Ganzen wurde noch die Krone aufgesetzt, als mein Mann einmal sehr früh mit seiner Arbeit fertig war und unbekümmert und von mir unbemerkt seinen privaten Computer hochgefahren und einen Ego-Shooter, also ein Ballerspiel, aufgerufen hatte. Das Problem dabei war, dass er zum einen nicht daran dachte, die Kopfhörer vorher anzuschließen und die Lautstärke herunterzudrehen, und dass ich zum anderen gerade mit einem Kunden telefonierte. Sowohl ich als auch mein Gesprächspartner sind im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode erschrocken, als plötzlich eine Maschinengewehr-Salve losging. Gekrönt vom Aufschrei und Stöhnen eines tödlich Verwundeten. Ich hätte schlagfertig reagieren und dies zu Marketing-Zwecken nutzen sollen: „Keine Sorge. Nichts passiert. Bin gerade im Außendienst. Dolmetscheinsatz. Zwischen den Vertragsparteien geht gerade hoch her.“ Obwohl mein Kunde mit dieser Aussage auch zu dem falschen Schluss hätte gelangen können, dass meine Dolmetschleistungen doch nicht so gut sind. Stattdessen brachte ich nur heraus: „Entschuldigung, mein Bürofenster geht zur Straße raus und steht offen.“ Im Nachhinein bin ich mir aber auch nicht so sicher, ob meinen Kunden diese Ausrede wirklich beruhigt hat.

Es mussten also klare Regeln für das häusliche Arbeitszimmer her, wenn wir keinen Rosenkrieg riskieren wollten. Daher gelten nun folgende Verhaltensregeln für ein friedvolles Miteinander. Unser Büro darf nur vollständig angekleidet betreten werden. Es dürfen nur geruchlose Speisen – möglichst geräuschlos – verzehrt werden. Die Champions-League-Auslosung wird nicht mehr per Live-Stream am PC, sondern im Wohnzimmer angesehen und per Chat ausdiskutiert. Besserwisser-, Klugscheißer- und Oberlehrer-Kommentare zu meiner beruflichen Tätigkeit sind tabu. Bei terminologischen Anfragen steht es mir frei, eine Rechnung über den Mindestauftragswert an die Firma meines Mannes auszustellen. Verstöße gegen diese Regeln werden streng sanktioniert. Bei kleineren Vergehen werde ich zum Essen in ein Restaurant meiner Wahl eingeladen. Bei größeren Vergehen muss ich jedoch zu härteren Mitteln greifen. In diesen Fällen stelle ich meine Lautsprecher auf laut und spiele das ultimative 21-minütige Non-Stop-Modern-Talking-Medley ab. Ist effektiver als jede Diskussion und Meinungsverschiedenheit und gefährdet keine Ehe. Spätestens nach 10 Minuten gibt mein Mann auf und stellt seine Unarten ein. Zur Not tut es auch die Drohung, seine Geschäftsanrufe entgegenzunehmen. „Schnuffibärchen, dein Chef ist am Telefon!“ Ich denke, Sie wissen, was ich meine…

Text (c) Katja Althoff // Foto (c) anetlanda – Fotolia

4 Gedanken zu “Tisch, Bett und Büro

  1. Hallo Katja,
    inzwischen habe ich – zum Glück! – ein eigenes Arbeitszimmer, aber ich fühlte mich bei deiner Schilderung zurückversetzt in die Zeit der Diplomarbeit. Die habe ich nämlich im damals noch gemeinsamen Arbeits-(Computerspiel-)Zimmer zum Hintergrund-Soundtrack von „Doom“ und „Bundesliga-Manager“ geschrieben („Schatz, du musst dir mein neues Stadion anschauen, das ist viiiiel schöner und größer als das von Björn….!!“).

    • Hallo Carola, schön zu lesen, dass ich nicht die einzige bin, die diese Erfahrung gemacht hat. Mittlerweile haben wir uns aber gut zu zweit im großen Arbeitszimmer arrangiert 🙂 Viele Grüße, Katja

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