8. November 2016

Wer hat Angst vor der MÜ?

Wer kennt sie nicht – die Beispiele schlechter maschineller Übersetzungen, die zur Belustigung und allgemeinen Erheiterung des Lesers veröffentlicht werden oder als Warnung – mitunter sogar als Drohung – verwendet werden, was passieren kann, wenn man auf maschinelle Übersetzung setzt. Solche Beispiele sind es, die Übersetzer und Übersetzerinnen im Kopf haben, wenn sie die Begriffe „Maschinelle Übersetzung“ (MÜ) oder „Postediting“ (PE) hören. Solche Beispiele sind es, die Ängste in der Übersetzerzunft schüren. Und solche Beispiele sind es, warum viele meiner Kollegen und Kolleginnen die MÜ als Bedrohung sehen. Sind solche Ängste gerechtfertigt? Ich finde nein.

In diesem Punkt fühlte ich mich Anfang November bestätigt, als ich in das kleine Städtchen Köthen in Sachsen-Anhalt gefahren bin, um mich bei der 2-tägigen Fachtagung „Maschinelle Übersetzung und Postediting“ des BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer) umfassend über das Thema zu informieren.

 

MÜ kann funktionieren, wenn man sie steuert

Foto (c) Katja Althoff

Foto (c) Katja Althoff

Als Fazit blieb mir Folgendes im Kopf hängen: Wir – Übersetzer wie Kunde – sollten dringend unsere Sichtweise auf die maschinelle Übersetzung korrigieren. Denn die maschinelle Übersetzung kann kein perfektes Ergebnis liefern, das dem eines humanen Übersetzers entspricht. Das ist auch gar nicht das Ziel einer MÜ. Das Ziel einer maschinellen Übersetzung ist es, einen Rohtext in der Zielsprache mit Fehlern zu produzieren. Dieser Rohtext sollte aus bestmöglichen Übersetzungsvorschlägen bestehen, damit er gut und effizient mit einem Postediting nachbearbeitet werden kann. Einen guten Rohtext erreicht man allerdings nur mit einer konfigurierbaren Engine, mit einem methodischen Ansatz, unter bestimmten Voraussetzungen, eingebettet in einem Workflow und mit einer realistischen Erwartungshaltung an die Qualität (MÜ-Output).

MÜ kann also funktionieren, wenn der maschinellen Übersetzung eine Präedition des Ausgangstextes vorangeht, die projektspezifische Terminologie im System hinterlegt und regelmäßig (!) gepflegt sowie in einen CAT-Tool-Workflow eingebunden wird, um einen akzeptablen Übersetzungsvorschlag – mit Betonung auf Vorschlag – generieren zu können.

 

Nur keine Panik vor der MÜ-Thematik

Eine MÜ ist dann sinnvoll, wenn Texte nur „grob verstanden“ oder Informationen möglichst schnell erschlossen werden müssen. Ein schönes Beispiel sind die maschinell übersetzten Supportartikel von Microsoft, die oft mit dem Hinweis „Dieser Artikel wurde maschinell übersetzt“ versehen sind. Zum einen ist das Textvolumen viel zu groß, um alle Artikel human übersetzen zu lassen, und zum anderen könnten humane Übersetzungen bei so einem Textvolumen gar nicht zeitnah übersetzt werden. Die nachbearbeitete MÜ ist gut genug, damit Benutzer ihr Problem lösen können. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen!

Maschinelle Übersetzung mit Postediting ist meiner Meinung nach ein neues, interessantes Tätigkeitsgebiet, das uns Übersetzer jedoch nie ersetzen wird. Heute nicht, morgen nicht und auch in den nächsten Jahrzehnten nicht.

Da ein Computer weder intelligent ist, noch denken kann, kann er die morphologische, syntaktische, semantische und pragmatische Ebene eines Textes nie erfassen. Die Bedeutung eines Satzes oder Textes ist in all diesen Ebenen irgendwo versteckt. In welchen Ebenen ist außerdem von Sprache zu Sprache unterschiedlich.

 

Peter geht mit seinem Hund zum Tierarzt, der ihm eine Spritze gibt

Sie haben diesen Satz verstanden, richtig? Eine MÜ-Engine wird aber Schwierigkeiten haben, die Wörter „der“ und „ihm“ in der Zielsprache korrekt zuzuordnen. Wer gibt wem eine Spritze? Peter seinem Hund? Der Hund dem Tierarzt? Der Tierarzt dem armen Peter? Oder laut unseres Verständnisses der Welt der Tierarzt dem Hund?

Laut der deutschen Grammatik sind sowohl „Peter“, „Hund“ und „Tierarzt“ maskulin und grammatikalisch mehrere Möglichkeiten offen. Die MÜ kann Ihnen in der Zielsprache nur einen Vorschlag machen, den Sie posteditieren müssen.

 

Hilfe, Kunde droht mit ’nem PE-Auftrag!

Die Teilnahme an der BDÜ Fachtagung hat sich für mich gelohnt. Ich habe praktische Tipps an die Hand bekommen, nach denen ich lange gesucht habe. Ich weiß jetzt, wie ich besser einschätzen kann, ob sich ein PE-Auftrag für mich lohnt.

Für eine PE-Anfrage muss ich ganz andere Informationen einholen als für eine Anfrage für eine normale Übersetzung. Dazu gehören unter anderem Angaben zur verwendeten Engine, zum CAT-Tool, zur Dauer des Projekts, zum Training der Engine, den Qualitätsanforderungen des finalen Textes, ein guter Eindruck des Outputs und zum Auftragsvolumen. Beim Auftragsvolumen geht es übrigens eher darum zu erfahren, ob es sich um ein langfristiges und wiederkehrendes Projekt handelt. Nur so kann die MÜ-Wiederverwendungsrate verbessert und die eigene Produktionsrate erhöht werden. Sprich: Nur dann lohnt sich erst ein PE-Auftrag.

 

Nachbearbeiten, aber nicht überbearbeiten

Beim Posteditieren geht man anderes heran als beim Übersetzen. Statt den maschinellen Vorschlag zu löschen und neu zu übersetzen, soll so viel wie möglich vom MÜ-Vorschlag wiederverwendet (recycelt) werden. Statt Stil oder Ausdruck zu perfektionieren, liegt der Fokus auf der Bearbeitung struktureller Fehler. Der Text soll nicht schön, sondern grob verständlich sein. Es sind nur minimale Eingriffe seitens des Posteditors erwünscht. Ein „Over-editing“ (Überbearbeiten) ist zu vermeiden.

 

Was halten Sie von Postediting? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

8 Gedanken zu “Wer hat Angst vor der MÜ?

    • Definitiv! Denn auch wenn man am Ende so einer Tagung für sich entscheidet, dass Postediting für einen selbst nicht interessant ist, sollten ÜbersetzerInnen zumindest wissen, was man darunter versteht. Zum Thema MÜ/PE gibt es viel Halbwahrheiten, ungerechtfertigte Ängste usw.

  1. Meine Erfahrung mit tatsächlichen MÜ/PE-Aufträgen ist diese:

    Ich habe die MÜ, die mir das System vorgeschlagen hatte, zur Kenntnis genommen, aber nicht lange versucht, die Fehler zu korrigieren, sondern den MÜ-Text einfach mit meiner eigenen Übersetzung überschrieben. Das ging schneller, vor allem, weil es sich um recht einfache Texte handelte.

    Es lief nun darauf hinaus, dass ich den gesamten Ausgangstext selbst übersetzte – der Wortpreis, mit dem ich entlohnt wurde, aber vergleichsweise gering war, weil der Kunde damit argumentierte, mir würde ja schon die MÜ angeboten, was den Übersetzungsprozess vereinfache.

    Die wesentliche Frage beim PE/bei der MÜ bleibt also meiner Ansicht nach wie so oft: Wie wirkt sich das alles auf das Verhältnis Einkommen pro Arbeitszeit aus?

    PS: Ich übersetze übrigens immer mal wieder was für diesen Kunden, weil es relativ einfach verdientes Geld ist. Der errechnete Stundenlohn hält sich allerdings in Grenzen.

    • Vielen Dank für deine Erfahrungen! Den kompletten Ausgangstext dann neu übersetzen zu müssen, ist ja eigentlich keine Postedition mehr. Ich habe sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen gemacht. Die Frage „Lohnt sich der PE-Auftrag?“ finde ich auch sehr schwierig. Es gibt fast gar keine Informationen, Seminare oder Best Practices dazu. Hier müsste meiner Meinung nach mehr aufgeklärt werden.

  2. Die Gefahr des Over-editings ist sicher die größte Zeitfalle. Wir alle haben ja den Anspruch, hochwertige Übersetzungen abzuliefern. Es fällt schwer, einen holprigen Text zu lassen, wie er ist, und es juckt einem in den Fingern, ihn mit einer eigenen Übersetzung zu überschreiben. Davon abgesehen, dass das oft tatsächlich schneller geht, als einen vorhandenen Text zu korrigieren. Wenn man sich daran gewöhnt hat, muss man Post-editing vermutlich als reine Einkommenskomponente und nicht unter dem Aspekt „Spaß an Sprache“ betrachten.

    • Hallo Gabi! Auf der Tagung wurde auch mehrfach erwähnt, dass man Postediting erst lernen muss. Das dauert ein paar Wochen oder Monate. Und auch nicht jeder Übersetzer eignet sich für Postediting. Wenn man sich nicht damit anfreunden kann, dann muss man diese Tätigkeit auch nicht anbieten. (Im Schnitt schafft man ca. 7000 Wörter pro Tag nachzubearbeiten. Daher ist PE schon schneller als eine humane Übersetzung.)

  3. Vielen Dank für diesen kurzen, sehr informativen Überblick über das Post-Editing. Ich habe kürzlich eine Anfrage für einen PE-Auftrag bekommen und weiß nun besser, welche Fragen ich stellen muss, bevor ich solch ein Projekt annehme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *