18. Januar 2017

Jede Geschichte enthält ein Körnchen Information: Wie werden Blogartikel übersetzt?

Diese Textsorte landet seit etwa anderthalb Jahren regelmäßig auf meinem Schreibtisch: Blogbeiträge meiner Unternehmenskunden aus der IT-Branche. Das Motiv dahinter: Das sogenannte „Corporate Blog“ ist ein wichtiges Instrument für die Online-Kommunikation. Die Firmen können so direkt mit Kunden Kontakt aufnehmen und mit ihnen beispielsweise über die Kommentarfunktion kommunizieren. Unternehmensblogs lassen sich sogar in mehrere Bereiche unterteilen. Die wichtigsten sind:

Produkt- bzw. Marken-Blogs: Die Beiträge drehen sich hier hauptsächlich um die Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens und sollen das Produktimage und die Marke stärken. Ziel ist es, Kunden enger an sich zu binden und neue Kunden zu gewinnen.

Service-Blogs: Mit einem Service-Blog möchte das Unternehmen einen Mehrwert über einen zusätzlichen Kundendienst anbieten. Kunden erhalten nicht nur Lösungen für bekannte Probleme, sondern bekommen auch hilfreiche Informationen, um ein Produkt noch besser zu nutzen.

Unternehmen erzählen Geschichten

Blogs und soziale Medien sind für IT-Unternehmen und Softwarehäuser ein wichtiger Bestandteil ihres Marketings. Dabei gehen sie ziemlich professionell vor: Ein Redaktionsteam schreibt regelmäßig Artikel mit relevanten Inhalten und spickt diese mit Daten und Fakten zum Unternehmen, zu Produkten, zu aktuellen Trends oder mit wertvollen Tipps und Tricks.

Und sie beherrschen das Storytelling! Die Blogartikel sind selten trockene, langweilige Fachartikel, sondern spannende Kurzgeschichten, die die Fachinformationen – mal packend, mal witzig, aber immer unterhaltsam – vermitteln. Die Leser, das heißt die bestehenden und potentiellen Kunden, fiebern regelrecht mit und werden gut unterhalten. Wer sich gut unterhalten fühlt, identifiziert sich schneller mit dem Produkt und dem Unternehmen.

In 5 Schritten zu einem gut übersetzten Blogartikel

IT-Unternehmen erreichen mit einem mehrsprachigen Blog noch mehr Leser. Hier komme ich ins Spiel, hurra! Meine Aufgabe ist es dann, die englischsprachigen Blogartikel ins Deutsche zu übertragen. Das ist gar nicht so einfach. Denn ich übe quasi den Spagat zwischen technischer Übersetzung und Transkreation.

Das Übersetzen von Blogartikeln folgt daher ganz anderen Regeln als beispielsweise von technischen Anleitungen. Meine Vorgehensweise in fünf Schritten:

Schritt 1: Lesen und verdolmetschen

Als erstes lese ich den Blogartikel ein Mal. Im Anschluss daran wage ich mich an die erste Rohübersetzung. Hier greife ich sehr gern auf die „Verdolmetschung“ zurück. Mit einer Spracherkennungssoftware (wie Dragon NaturallySpeaking) spreche ich – ohne größere Pausen – die erste Rohfassung in deutscher Sprache aufs Papier. Die Verdolmetschung ist für das Storytelling wichtig. Durch das Sprechen bin ich gezwungen, die Geschichte in meiner Muttersprache nachzuerzählen. Von der Einleitung bis zum Schluss, inklusive Spannungsbogen, dramatischen Wendungen und überraschendem Ende.

Schritt 2: Recherchieren und clustern

Jetzt mache ich mich daran, alle enthaltenen Fachbegriffe genauer zu recherchieren. Gegebenenfalls muss ich mich dazu in das Thema besser einlesen. Für bestimmte Begriffe, die im Text mehrfach vorkommen, suche ich Synonyme, Redewendungen und passende Bilder. Hierfür lege ich mir – unabhängig vom Original – Wortfelder in Clusterform an.

Bei häufig verwendeten Wörtern wie „advantage“ denkt man sofort an „Vorteil“. Dabei gibt die deutsche Sprache so viele schöne Begriffe her: Nutzen, positiver Aspekt, Pluspunkt, Volltreffer, Vorsprung, Stärke, Sinn und Zweck, Ass im Ärmel, Wunderwaffe, starke Seite, von etwas profitieren, nutzbringend, überzeugen mit, glänzen mit… und viele mehr.

Ein Cluster ist eine unsortierte Mindmap. Zu einem Begriff werden alle Ideen notiert, wie Synonyme, Antonyme, Redewendungen usw. So klebt man beim Übersetzen/Überarbeiten weniger an einem einzelnen Begriff. Hier ein Wortfeld für die englischen Begriffe „off-the-peg software“ und „tailored software“. Auf diese Weise findet man schnell verschiedene Formulierungen und Umschreibungen für „Standardsoftware“ und „maßgeschneiderte Software“.

Schritt 3: Schleifen und polieren

Nachdem also Fachbegriffe recherchiert und Wortfelder angelegt sind, wird der Text überarbeitet. Ich lese mir jeden einzelnen Satz im Original durch und überarbeite die eingesprochene Übersetzung. Manche Sätze müssen nur leicht korrigiert werden, da sie schon sehr gut klingen. Andere hingegen werden schon mal über den Haufen geworfen und neu formuliert. Wenn ich mit dem Text fertig bin, fange ich von vorn an. Auf diese Weise gehe ich den Text also 2 bis 3 Mal durch.

Schritt 4: Lesen und lesen lassen

Nun lasse ich meine Übersetzung erst einmal links liegen. Ich schlafe eine Nacht darüber und am folgenden Tag lese ich mir nur noch die deutsche Fassung durch. Meistens laut vor mich hin. Das Lesen auf Papier folgt danach. Alle Textstellen, die noch nicht flüssig genug sind, werden geändert. Wichtig sind insbesondere eine stimmige Wortwahl, passgenaue Satzanschlüsse, widerspruchsfreie Metaphern und Sprachbilder sowie ein angenehmer Satzrhythmus.

Schritt 5: Sortieren und verschieben

Jetzt kommt das Bauchgefühl zum Einsatz: Klingt ein Satz immer noch leicht befremdlich oder komisch, wird er erneut unter die Lupe genommen. Zuguterletzt wird die innere Logik des Artikels insgesamt und Informationsreihenfolge geprüft. Notfalls werden Sätze und Absätze verschoben, Aussagen neu sortiert oder Textteile umgestellt.

Tipp:

Gute Quellen sind der Wortschatz der Universität Leipzig, das freie Synonym-Wörterbuch Woxikon und OpenThesaurus. Außerdem ist das Wörterbuch der deutschen Umgangssprache und Lexikon ACADEMIC manchmal Gold wert. Und gelegentlich ist auch das Reimlexikon RHYME unerlässlich!

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