30. Juni 2016

Mythos Transkreation: Guter Stil braucht Zeit

Anspruchsvolle Direktkunden, die sich flüssige Übersetzungen ins Deutsche wünschen und nicht am Original „kleben“? Meine Kunden erteilen mir immer häufiger den Auftrag, den Ausgangstext in der Zielsprache neu zu formulieren als ihn einfach zu übersetzen. Transkreation ist hier das Stichwort.

Übersetzerin, Texterin, Kommunikationsexpertin

Dass der Begriff „Transkreation“ nicht so richtig greifbar ist, liegt wahrscheinlich daran, dass es sich hierbei um einen Kunstbegriff aus „Translation“ (Übersetzen) und „Kreation“ (Texten) handelt. Daher ist es besser, von interkultureller, kreativer oder textlicher Adaption zu sprechen. Denn eine kreative Adaption in die Zielsprache ist mehr als eine reine Übersetzung. Warum? Ich übertrage einen bereits kreierten Text in eine andere Sprache und „übertexte“ anschließend diese Übersetzung. Ohne dabei die Botschaft des Textes, die enthaltenen Emotionen usw. außer Acht zu lassen. Und das ist doppelt so schwierig wie das Schreiben des Ausgangstexts, denn es fallen zwei Aufgaben an: Übersetzen und Texten.

Kreative Adaptionen sind harte Arbeit

Technische Anleitungen, Geschäftsberichte oder Produktlisten lassen sich recht zügig übersetzen: Das Fachgebiet ist bekannt, die Fachterminologie sitzt oder wird recherchiert. Durch den Einsatz von Übersetzungswerkzeugen ist es sogar möglich, immer effizienter zu übersetzen.

Dieses „Höher, schneller, weiter“ lässt sich bei kreativen Adaptionen allerdings nicht umsetzen. Der kreative Prozess – Briefing durch den Kunden, die erste Rohfassung, Recherchen, Brainstorming, weitere Recherchen, Rücksprache mit dem Kunden, kreative Pausen, mehrfaches Bearbeiten und Adaptieren des Textes, der letzte Feinschliff – muss immer wieder von Neuem durchlaufen werden. Und zwar bei jedem einzelnen Auftrag.

Kreative Adaptionen sind also harte, schweißtreibende Arbeit, die viel Disziplin erfordert. Und da gute Ideen und Formulierungen nicht vom Himmel fallen, ist es notwendig, Methoden und Techniken zu entwickeln, um im Arbeitsalltag kreative Denkprozesse anzustoßen. Auch das Spiel mit der Sprache kommt nicht zu kurz, schließlich müssen Formulierungen adaptiert und poliert werden.

Copyright: stockpics - Fotolia

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Buchtipp:

Transkreation liegt also schwer im Trend, und trotzdem scheinen sich um den Begriff „Transkreation“ weiterhin viele Mythen zu ranken. Weder unsere Auftraggeber noch Auftragnehmer – also die Übersetzerzunft selbst – können genau erklären, was Transkreation eigentlich ist. Das Fachbuch Translation – Transkreation. Vom Über-Setzen zum Über-Texten von Nina Sattler-Hovdar, das vor einigen Wochen im BDÜ Fachverlag erschienen ist und sich an Auftragnehmer und Auftraggeber gleichermaßen wendet, bringt endlich Licht ins Dunkel.

Seine hohe Praxistauglichkeit beweist der Ratgeber mit vielen Tipps, Beispielen sowie den zahlreichen Checklisten zur Abwicklung von Transkreationsarbeiten oder zum stilistischen Feinschliff. Ein Muster-Briefing, Hinweise zum Abschätzen des Arbeitsaufwands und Tipps zur Kostenberechnung runden den Ratgeber ab. Denn Transkreation ist zeitaufwendig. Dies erfordert demnach eine differenzierte Herangehensweise, wie Auftraggeber über kreative Adaptionen aufgeklärt, angemessene Kostenvoranschläge erstellt und Preisverhandlungen auf Augenhöhe mit dem Kunden geführt werden.

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